21.07.2026

Selbstwert – Warum wir uns manchmal nicht gut genug fühlen

Viele Menschen kennen das Gefühl, an sich zu zweifeln. Obwohl sie sich bemühen, Verantwortung übernehmen und von anderen durchaus geschätzt werden, bleibt innerlich häufig der Eindruck zurück, nicht zu genügen.

In meiner Praxis begegnen mir immer wieder Klient:innen, die genau das beschreiben. Manche erzählen, dass sie nach einem gelungenen Vortrag vor allem an den zwei Sätzen hängen bleiben, die ihnen nicht perfekt gelungen sind. Andere berichten, dass sie ein kritischer Kommentar noch tagelang beschäftigt, obwohl sie zuvor viel Anerkennung erhalten haben. Wieder andere haben das Gefühl, ihren Wert ständig unter Beweis stellen zu müssen – durch Leistung, Hilfsbereitschaft oder Perfektion.

Solche Erfahrungen werfen eine wichtige Frage auf: Was ist Selbstwert eigentlich? Und warum fällt es manchen Menschen so schwer, ihren eigenen Wert unabhängig von Leistung oder der Meinung anderer zu erleben?

Selbstwert – mehr als Selbstbewusstsein

Im Alltag werden Begriffe wie Selbstwert, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein häufig synonym verwendet. Psychologisch beschreiben sie jedoch unterschiedliche Aspekte.

Selbstvertrauen bedeutet, den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Es geht um die Überzeugung, Herausforderungen bewältigen oder bestimmte Aufgaben erfüllen zu können.

Selbstbewusstsein beschreibt, wie gut wir uns selbst kennen und wahrnehmen – mit unseren Stärken, Unsicherheiten, Bedürfnissen und Grenzen.

Selbstwert geht noch einen Schritt weiter. Er beschreibt die innere Bewertung der eigenen Person und die grundlegende Frage:

„Erlebe ich mich als wertvollen Menschen – auch dann, wenn mir etwas nicht gelingt?“

Diese Unterscheidung ist wichtig. Menschen können sehr kompetent sein, viel leisten und von anderen geschätzt werden – und sich innerlich dennoch unzulänglich fühlen.

Umgekehrt kann jemand eigene Unsicherheiten kennen und trotzdem ein stabiles Gefühl dafür haben, als Mensch wertvoll zu sein.

Wie entsteht unser Selbstwert?

Niemand wird mit einem stabilen oder instabilen Selbstwert geboren. Er entwickelt sich im Laufe unseres Lebens – vor allem in Beziehungen.

Schon als Kinder lernen wir durch die Reaktionen unserer Bezugspersonen etwas darüber, wie wir uns selbst erleben können.

Werden unsere Gefühle ernst genommen?

Dürfen wir Fehler machen?

Werden wir auch dann angenommen, wenn wir traurig, wütend oder unsicher sind?

Oder erleben wir, dass Anerkennung vor allem dann erfolgt, wenn wir bestimmte Erwartungen erfüllen?

Der Begründer der Personzentrierten Psychotherapie, Carl Rogers, ging davon aus, dass jeder Mensch ein grundlegendes Bedürfnis nach Wertschätzung und Annahme hat. Für eine gesunde Entwicklung ist es wichtig, die Erfahrung zu machen, als Person angenommen zu sein – nicht nur dann, wenn wir erfolgreich, angepasst oder leistungsfähig sind.

In der Realität gelingt dies nicht immer. Bezugspersonen handeln nicht absichtlich verletzend, sind aber selbst durch ihre Lebensgeschichte, Belastungen oder eigene Erfahrungen geprägt. Dadurch kann es geschehen, dass Kinder lernen, ihren eigenen Wert an bestimmte Bedingungen zu knüpfen.

Rogers beschrieb diesen Zusammenhang mit dem Begriff Bewertungsbedingungen.

Damit sind innere Überzeugungen darüber gemeint, unter welchen Voraussetzungen wir uns selbst als wertvoll erleben dürfen.

Solche Bewertungsbedingungen können beispielsweise lauten:

  • Ich bin nur dann wertvoll, wenn ich alles richtig mache.
  • Ich darf keine Schwäche zeigen.
  • Ich muss für andere da sein.
  • Ich darf niemanden enttäuschen.

Viele Menschen tragen solche inneren Maßstäbe bis ins Erwachsenenalter mit sich – oft, ohne sich ihrer bewusst zu sein.

Die verschiedenen Bilder, die wir von uns haben

Jeder Mensch trägt unterschiedliche Vorstellungen von sich selbst in sich.

Ein hilfreiches Modell unterscheidet zwischen verschiedenen Selbstbildern.

Das Real-Selbst

Das Real-Selbst beschreibt, wie wir uns heute erleben.

Es umfasst unsere Fähigkeiten, unsere Grenzen, unsere Bedürfnisse und auch unsere Unsicherheiten.

Das Ideal-Selbst

Das Ideal-Selbst beschreibt die Person, die wir gerne wären.

Vielleicht möchten wir gelassener, mutiger, geduldiger oder selbstbewusster sein.

Ein Ideal ist grundsätzlich nichts Negatives. Es kann Orientierung geben und persönliche Entwicklung fördern.

Belastend wird es dann, wenn der Abstand zwischen dem, wie wir sind, und dem, wie wir sein möchten, dauerhaft als persönliches Versagen erlebt wird.

Das Fremd-Soll-Selbst

Neben dem Real-Selbst und dem Ideal-Selbst gibt es häufig noch eine weitere Ebene: das Fremd-Soll-Selbst.

Es beschreibt die Vorstellung davon, wie wir glauben sein zu müssen, um akzeptiert, geliebt oder anerkannt zu werden.

Während das Ideal-Selbst aus eigenen Wünschen und Werten entstehen kann, speist sich das Fremd-Soll-Selbst häufig aus übernommenen Erwartungen – beispielsweise aus der Familie, der Schule, dem Beruf oder gesellschaftlichen Vorstellungen.

Es fragt nicht:

„Wie möchte ich sein?“

Sondern:

„Wie muss ich sein, damit ich genüge?“

Je stärker unser Leben von diesem Fremd-Soll-Selbst bestimmt wird, desto leichter verlieren wir den Kontakt zu unseren eigenen Bedürfnissen und Werten.

Wenn das eigene Erleben nicht mehr zum Selbstbild passt

Ein weiterer zentraler Gedanke der Personzentrierten Psychotherapie ist das Konzept der Inkongruenz.

Carl Rogers ging davon aus, dass psychisches Leiden häufig dann entsteht, wenn zwischen unserem tatsächlichen Erleben und unserem Selbstbild eine zunehmende Diskrepanz entsteht.

Vielleicht kennen Sie Situationen, in denen Sie erschöpft sind, sich aber sagen:

„Ich muss trotzdem funktionieren.“

Oder Sie spüren Ärger, erlauben sich aber nicht, diesen wahrzunehmen, weil Sie glauben, immer verständnisvoll oder stark sein zu müssen.

Auf Dauer kann es sehr belastend sein, wenn wir bestimmte Erfahrungen, Gefühle oder Bedürfnisse nicht mehr mit unserem Bild von uns selbst vereinbaren können. Nicht, weil mit uns etwas nicht stimmt, sondern weil ein Teil unseres eigenen Erlebens keinen Platz mehr findet.

Aus personzentrierter Sicht geht es deshalb nicht darum, sich so zu verändern, dass man besser den Erwartungen anderer entspricht. Vielmehr geht es darum, wieder stärker mit dem eigenen Erleben in Kontakt zu kommen und sich selbst besser zu verstehen.

Woran knüpfen wir unseren Selbstwert?

Unser Selbstwert entsteht nicht unabhängig von unserer Umwelt. Anerkennung, Beziehungen und Erfolgserlebnisse beeinflussen selbstverständlich, wie wir uns erleben.

Schwierig wird es jedoch, wenn unser Selbstwert fast ausschließlich von bestimmten Bedingungen abhängt.

Manche Menschen beziehen ihren Wert vor allem aus Leistung.

Andere daraus, immer für andere da zu sein.

Wieder andere daraus, keine Fehler zu machen oder Konflikte zu vermeiden.

Solange diese Bereiche gut funktionieren, scheint der Selbstwert stabil zu sein. Gerät jedoch etwas ins Wanken, entstehen schnell Selbstzweifel.

Vielleicht kennen Sie Gedanken wie:

„Wenn ich nicht alles schaffe, bin ich eine Enttäuschung.“

„Wenn jemand unzufrieden mit mir ist, habe ich versagt.“

„Wenn ich Hilfe brauche, bin ich schwach.“

Solche Gedanken wirken oft selbstverständlich. Häufig spiegeln sie jedoch alte Bewertungsbedingungen wider, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben.

Was kann helfen?

Selbstwert verändert sich selten dadurch, dass wir uns einfach vornehmen, positiver über uns zu denken.

Häufig beginnt der Prozess damit, die eigenen inneren Maßstäbe wahrzunehmen und besser zu verstehen.

Welche Erwartungen stelle ich an mich?

Welche davon entsprechen meinen eigenen Werten?

Welche habe ich irgendwann übernommen, ohne sie heute noch zu hinterfragen?

In der therapeutischen Arbeit erlebe ich immer wieder, dass allein diese Fragen einen neuen Blick auf sich selbst ermöglichen können.

Aus personzentrierter Sicht entsteht Entwicklung nicht dadurch, dass wir lernen, ein anderer Mensch zu werden. Vielmehr geht es darum, sich selbst mit mehr Verständnis zu begegnen und das eigene Erleben ernst zu nehmen.

Das bedeutet nicht, keine Ziele mehr zu haben oder sich nicht weiterentwickeln zu wollen.

Es bedeutet vielmehr, den eigenen Wert nicht ausschließlich davon abhängig zu machen, ob man gerade funktioniert, erfolgreich ist oder den Erwartungen anderer entspricht.

Ein stabiler Selbstwert bedeutet nicht, sich immer selbstsicher zu fühlen oder nie an sich zu zweifeln.

Er zeigt sich vielmehr darin, dass Fehler, Kritik oder schwierige Lebensphasen den eigenen Wert als Mensch nicht grundsätzlich infrage stellen.

Vielleicht ist genau das ein wichtiger Unterschied:

„Ich habe einen Fehler gemacht.“

ist etwas anderes als

„Ich bin ein Fehler.“

Dieser Unterschied wirkt auf den ersten Blick klein. Im Alltag macht er jedoch oft einen großen Unterschied – darin, wie wir mit uns selbst sprechen und wie wir schwierige Situationen bewerten.

Eine Frage zum Schluss

Vielleicht möchten Sie sich nach dem Lesen einen Moment Zeit nehmen und sich fragen:

Woran knüpfe ich meinen eigenen Wert?

Ist es Leistung?

Die Anerkennung anderer?

Der Anspruch, alles richtig machen zu müssen?

Oder gelingt es mir manchmal schon, mich unabhängig davon als wertvollen Menschen zu erleben?

Vielleicht fällt Ihnen auf manche dieser Fragen sofort eine Antwort ein. Vielleicht bleiben sie zunächst offen.

Beides ist in Ordnung.

Sich diese Fragen zu stellen, kann helfen, die eigenen inneren Maßstäbe bewusster wahrzunehmen und besser zu verstehen, welche davon heute noch hilfreich sind.

Hinweis aus meiner Praxis

Viele Klient:innen erleben es als entlastend zu verstehen, dass Selbstwert nicht einfach eine persönliche Eigenschaft ist, die man entweder besitzt oder nicht besitzt. Er entwickelt sich im Laufe des Lebens, wird durch Erfahrungen geprägt und kann sich auch wieder verändern.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Selbstwert stark von Leistung, Perfektion oder der Meinung anderer abhängt und Sie darunter leiden, kann es hilfreich sein, diese Zusammenhänge im Rahmen einer Psychotherapie gemeinsam zu betrachten.

Dabei geht es häufig nicht darum, ein anderer Mensch zu werden, sondern sich selbst besser zu verstehen und einen freundlicheren Umgang mit sich zu entwickeln.

Weiterführende Literatur

Die in diesem Artikel beschriebenen Inhalte orientieren sich unter anderem an Konzepten der Personzentrierten Psychotherapie nach Carl Rogers sowie an psychologischen Modellen zur Entwicklung des Selbstwerts und des Selbstkonzepts.

Eine Auswahl weiterführender Literatur:

  • Rogers, C. R. (2020). Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. 3. Aufl. München: Ernst Reinhardt.
  • Hanning, S., & Chmielewski, F. (2019). Ganz viel Wert: Selbstwert aktiv aufbauen und festigen. Mit Online-Material. Beltz.
  • Potreck-Rose, Friederike; Jacob, Gitta (2010): Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen. Psychotherapeutische Interventionen zum Aufbau von Selbstwertgefühl. 12., überarbeitete Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta
Border pill

Mag.ᵃ Sara Brunner, BA

21.07.2026

Teile diesen beitrag:

Blog

Weitere Blogbeiträge