Der Kiesler-Kreis und unsere Muster in Beziehungen

„Warum muss das bei uns eigentlich immer so laufen?“

Vielleicht kennen Sie solche Situationen: Ein Gespräch beginnt ganz harmlos – und plötzlich verändert sich die Stimmung. Sie versuchen, sich noch genauer zu erklären, doch Ihr Gegenüber zieht sich immer mehr zurück. Je mehr Sie nachfragen oder drängen, desto stärker scheint der andere auf Abstand zu gehen.

Oder es läuft andersherum: Sie übernehmen immer wieder die Verantwortung, organisieren und entscheiden – während Ihr Gegenüber sich zunehmend zurückzieht und immer weniger beiträgt. Irgendwann entsteht das Gefühl, in einer Dynamik festzustecken, die sich immer wieder auf dieselbe Weise entwickelt.

Dann liegt eine Frage nahe: „Warum reagiert der andere eigentlich so auf mich?“ Vielleicht auch: „Was macht der andere mit mir?“

Beide Fragen richten den Blick zunächst auf die jeweils andere Person. Wenn sich solche Situationen jedoch wiederholen, kann es hilfreich sein, die Perspektive zu erweitern:

Was geschieht eigentlich zwischen uns?

Denn manchmal lässt sich eine schwierige Situation nicht allein dadurch verstehen, was eine Person „ist“ oder „macht“. Entscheidend ist auch, wie zwei Menschen aufeinander reagieren. Mein Verhalten beeinflusst mein Gegenüber – und seine Reaktion wirkt wiederum auf mich zurück.

Aus Rückzug kann beispielsweise mehr Nachfragen entstehen, aus Nachfragen noch mehr Rückzug. Aus dem Bedürfnis, Verantwortung zu übernehmen, kann beim anderen noch mehr Passivität entstehen – und diese wiederum kann das eigene Gefühl verstärken, alles selbst erledigen zu müssen.

Genau hier setzt der Kiesler-Kreis an. Er betrachtet menschliches Verhalten nicht isoliert, sondern als Teil eines zwischenmenschlichen Wechselspiels. Dadurch kann sichtbar werden, wie bestimmte Reaktionsweisen entstehen und sich mit der Zeit verfestigen.

Wir reagieren aufeinander

Der Psychologe und Psychotherapieforscher Donald J. Kiesler entwickelte den Interpersonellen Kreis. Er beschreibt zwischenmenschliches Verhalten entlang zweier grundlegender Dimensionen: Nähe und Distanz sowie Einfluss und Kontrolle.

Die eine Dimension beschreibt, wie zugewandt oder eher ablehnend wir uns verhalten. Die andere beschreibt, wie bestimmend oder führend wir auftreten und wie sehr wir uns anpassen oder dem anderen die Führung überlassen.

Dabei geht es nicht darum, Menschen in feste Kategorien einzuordnen. Der Kiesler-Kreis ist keine Schublade und keine Typologie. Die interessantere Frage lautet:

„Wie verhalte ich mich gerade in dieser Situation – und was könnte das beim anderen auslösen?“

Denn wir sind nicht immer gleich. Je nach Situation, Beziehung und Gegenüber können wir ganz unterschiedlich reagieren. Ein Mensch, der im Beruf sehr selbstsicher auftritt, kann sich in einer Partnerschaft beispielsweise stark zurücknehmen. Jemand, der sich im Alltag eher anpasst, kann in einer bestimmten Situation plötzlich sehr bestimmend werden.

Der Kiesler-Kreis richtet den Blick deshalb weniger auf die Frage, wie jemand ist, sondern darauf, wie sich Menschen miteinander verhalten.

Wenn sich ein Muster entwickelt

Stellen wir uns ein Paar vor.

„Du hast schon wieder vergessen, den Termin auszumachen.“

„Ich hatte heute wirklich viel zu tun.“

„Du hast immer irgendeine Ausrede.“

„Und du musst mir immer sagen, was ich alles falsch mache.“

„Wenn ich es nicht sage, passiert ja gar nichts!“

Am Anfang ging es um einen Termin. Nach wenigen Sätzen geht es längst um etwas anderes.

Die eine Person wird zunehmend drängender, die andere fühlt sich kontrolliert und geht in Widerstand oder zieht sich zurück. Dieser Rückzug kann wiederum den Eindruck verstärken: „Ich muss noch stärker eingreifen, sonst passiert gar nichts.“

Mehr Druck – mehr Widerstand. Mehr Widerstand – noch mehr Druck.

Beide erleben sich dabei vermutlich nicht als diejenigen, die dieses Muster aufrechterhalten. Jeder reagiert schließlich nur auf das, was der andere gerade tut.

Gerade darin liegt eine Besonderheit zwischenmenschlicher Dynamiken: Was für den einen eine verständliche Reaktion ist, kann beim anderen eine Reaktion hervorrufen, die wiederum das ursprüngliche Verhalten verstärkt.

So kann sich eine Art Kreislauf entwickeln, in dem beide Beteiligten zunehmend das Gefühl haben, auf das Verhalten des anderen nur noch reagieren zu können.

Der Kiesler-Kreis kann helfen, solche Kreisläufe genauer zu betrachten. Nicht, um einen Schuldigen zu finden, sondern um die Abfolge sichtbar zu machen:

Was tue ich? Wie reagiert der andere darauf? Und was löst diese Reaktion wiederum bei mir aus?

Nicht: Wer ist schuld?

Wenn eine Beziehung schwierig ist, richtet sich unser Blick verständlicherweise zuerst auf den anderen:

Warum hört er mir nicht zu?
Warum zieht sie sich immer zurück?
Warum muss ich immer alles organisieren?

Solche Fragen sind nachvollziehbar. Gleichzeitig können sie dazu führen, dass wir nur noch das Verhalten des anderen betrachten.

Der Kiesler-Kreis lädt zu einer zusätzlichen Perspektive ein:

„Wie verhalte ich mich gerade – und welchen Einfluss könnte mein Verhalten auf die Dynamik zwischen uns haben?“

Das bedeutet nicht, dass wir für das Verhalten des anderen verantwortlich sind. Wenn jemand unfreundlich, verletzend oder respektlos mit mir umgeht, habe ich dieses Verhalten nicht automatisch verursacht. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte, seine Bedürfnisse und seine bisherigen Beziehungserfahrungen mit.

Trotzdem kann es hilfreich sein, den eigenen Anteil an einer Interaktion wahrzunehmen. Nicht im Sinne von Schuld, sondern im Sinne von Einfluss und Handlungsspielraum.

Manchmal zeigt sich dabei etwas Überraschendes: Wir reagieren auf eine Situation auf eine Weise, die für uns zunächst sinnvoll erscheint – und tragen damit gleichzeitig ungewollt dazu bei, dass sich genau die Dynamik fortsetzt, unter der wir leiden.

Wo könnte ich selbst etwas verändern?

Wenn Sie merken, dass sich eine Situation immer wieder ähnlich entwickelt, können Sie sich zum Beispiel fragen:

  • Was mache ich, wenn ich mich nicht gehört fühle?
  • Werde ich lauter oder erkläre ich noch mehr?
  • Versuche ich, den anderen zu überzeugen?
  • Werde ich kritisch?
  • Ziehe ich mich zurück?
  • Übernehme ich automatisch die Verantwortung?
  • Oder werde ich besonders angepasst?

Und dann lohnt sich ein zweiter Blick:

Wie reagiert mein Gegenüber darauf?

Vielleicht wird dabei eine persönliche Reaktionsschleife sichtbar:

„Wenn ich Angst bekomme, nicht ernst genommen zu werden, werde ich sehr bestimmend. Je bestimmender ich werde, desto mehr zieht sich mein Partner zurück. Und je mehr er sich zurückzieht, desto stärker habe ich das Gefühl, mich durchsetzen zu müssen.“

Damit verändert sich die Perspektive. Es geht nicht mehr nur darum, was der andere tut.

Es wird ein Muster zwischen uns sichtbar.

Und genau darin kann ein erster Ansatzpunkt für Veränderung liegen.

Einen anderen Schritt ausprobieren

Wenn ich einen solchen Zusammenhang erkenne, muss ich nicht plötzlich alles richtig machen. Oft reicht es zunächst, an einer kleinen Stelle etwas anders auszuprobieren.

Statt:

„Du hörst mir ja sowieso nie zu!“

könnte ich sagen:

„Ich merke gerade, dass ich immer stärker dränge, weil ich Angst habe, dass mein Anliegen sonst untergeht.“

Oder:

„Mir wird das gerade zu viel. Ich brauche eine Pause, aber ich möchte später weiter darüber sprechen.“

Oder ich frage:

„Was hast du gerade von mir gehört?“

Das sind keine Zaubersätze. Sie werden eine schwierige Beziehung nicht automatisch verändern. Aber sie können einen Unterschied machen.

Denn wenn ich an einer Stelle aus der gewohnten Reaktionsweise aussteige, entsteht möglicherweise auch für den anderen ein neuer Spielraum. Er muss dann nicht unbedingt genauso reagieren wie bisher.

Veränderung bedeutet dabei nicht, dass wir uns für den anderen verbiegen müssen. Es geht vielmehr darum, bewusster entscheiden zu können, wie wir selbst in einer Situation reagieren möchten.

Was hat das mit Psychotherapie zu tun?

Der Gedanke lässt sich für mich gut mit einer personzentrierten Haltung verbinden.

In der personzentrierten Psychotherapie spielt die Beziehung eine zentrale Rolle. Es geht darum, einem Menschen aufmerksam und möglichst unvoreingenommen zu begegnen und zu versuchen, seine Welt aus seiner Perspektive zu verstehen.

Der Kiesler-Kreis setzt hier einen etwas anderen Schwerpunkt. Er hilft dabei, genauer hinzusehen, wie Menschen miteinander in Beziehung treten: Wie gehe ich auf jemanden zu? Wann werde ich bestimmend? Wann ziehe ich mich zurück? Und wie verändert sich die Beziehung, wenn ich mich auf diese Weise verhalte?

Beide Perspektiven können sich gut ergänzen.

Wir können einen Menschen mit Interesse und Verständnis betrachten und gleichzeitig wahrnehmen, welche Dynamik sich zwischen uns entwickelt. Dabei geht es nicht darum, Verhalten vorschnell zu bewerten oder einen Anteil an Schwierigkeiten zuzuschreiben. Vielmehr kann es darum gehen, Zusammenhänge besser zu verstehen.

Gerade in der Psychotherapie kann das hilfreich sein: Wenn ein Mensch immer wieder von ähnlichen Schwierigkeiten in Beziehungen berichtet, kann es interessant werden, gemeinsam zu erkunden, welche Muster sich dabei zeigen.

Wir sind nicht auf eine bestimmte Rolle festgelegt

Ein Mensch ist nicht einfach „dominant“, „unterwürfig“, „freundlich“ oder „distanziert“.

Wir können in einer Situation selbstbewusst auftreten und in einer anderen eher zurückhaltend sein. Wir können Nähe suchen oder Abstand brauchen. Wir können Verantwortung übernehmen oder sie abgeben.

Schwierig wird es manchmal, wenn wir in bestimmten Situationen immer wieder auf dieselbe Weise reagieren – obwohl wir merken, dass wir damit nicht weiterkommen.

Dann kann es hilfreich sein, innezuhalten und sich zu fragen:

Wie bin ich gerade in dieser Beziehung?

Was löst mein Verhalten beim anderen aus?

Und gibt es an irgendeiner Stelle etwas, das ich anders ausprobieren könnte?

Dabei geht es nicht darum, die Verantwortung für die gesamte Beziehung zu übernehmen. Es geht um den eigenen Handlungsspielraum.

Vielleicht können wir nicht bestimmen, wie der andere reagiert. Aber wir können manchmal beeinflussen, wie wir selbst in eine Begegnung hineingehen und wie wir auf das reagieren, was geschieht.

Zum Schluss

Der Kiesler-Kreis bietet keine einfache Erklärung für schwierige Beziehungen und schon gar keine fertigen Lösungen.

Sein Wert liegt darin, dass er unseren Blick verändert: Weg von der Frage „Wer ist hier das Problem?“ und hin zu der Frage:

„Was geschieht gerade zwischen uns?“

Manchmal wird dadurch eine Dynamik sichtbar, die vorher wie eine feststehende Eigenschaft des anderen erschien.

Vielleicht kann dort ein kleiner neuer Handlungsspielraum entstehen. Es wird nicht automatisch alles anders, sondern wir können genauer verstehen, was zwischen uns geschieht – und welchen Teil davon wir selbst mitgestalten können.

Zum Weiterlesen

Kiesler, D. J. (1983). The 1982 Interpersonal Circle: A Taxonomy for Complementarity in Dyadic Interpersonal Behavior. Psychological Review, 90(3), 185–214.

Rogers, C. R., Gendlin, E. T., Kiesler, D. J. & Truax, C. B. (Hrsg.). (1967). The Therapeutic Relationship and Its Impact: A Study of Psychotherapy with Schizophrenics. University of Wisconsin Press.

Border pill

Mag.ᵃ Sara Brunner, BA

28.09.2026

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